frei und engagiert

ein kleines Buch mit 52 kurzen Texten und 52 Fotos

Ich habe die Erfahrung gemacht: Menschen, die sich engagieren, sind freie Menschen. Nicht, dass sie sich alle Freiheiten herausnehmen und dabei die Rechte und Bedürfnisse anderer Menschen missachten. Nein, das ist nicht Freiheit, sondern Egoismus. Vielmehr verfügen sie über eine mentale Freiheit, die sie befähigt, ihre Kompetenzen und Mittel nicht nur für sich selber und ihren privaten Kreis, sondern auch für das Wohl anderer Menschen oder für die Natur einzusetzen. Sich zu engagieren.

Das Büchlein "frei und engagiert" enthält 52 kurze Texte zu christlichen, ethischen und entwicklungspolitischen Themen. Im Sinn der Befreiungstheologie. Schliesslich sollte uns doch der Glaube - nicht nur der christliche - frei und engagiert machen.

Die 52 Texte und 52 Fotos sind 2014 als Kolumnen im Berner Pfarrblatt erschienen und haben kontroverse Reaktionen ausgelöst.

Ich sende es dir gerne für 20 Franken. Bestellung an: humano@sensemail.ch

José Balmer

4 Texte aus "frei und engagiert"

Jesus, der erste Befreiungstheologe 

Jesus ein Befreiungstheologe? Gewiss, denn für jeden Juden nimmt die Exodus-Befreiungsgeschichte einen zentralen Platz im Glauben ein. Moses führte sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit und zwar im Namen Gottes. Diesen Namen erfuhr Moses in einem brennenden Dornbusch. Er lautet 'Jahwe'. Das bedeutet: Ich bin mit euch und für euch da. Über 1000 Jahre später kam Jesus zur Einsicht: Diese Zusage Gottes galt nicht nur dem damals unterdrückten jüdischen Volk, es gilt allen Unterdrückten aller Zeiten. Jesus wandte sich den verstossenen Menschen nicht nur aus Sympathie zu, sondern weil er sich gewiss war: Das Wesen Gottes ist die Option für alle Armen und Entrechteten. Und so geriet er zwischen die Fronten. Als gläubiger Jude hielt er das Gesetz hoch und verstiess trotzdem demonstrativ dagegen, um zu sagen: Wichtig ist nicht der Gesetzesbuchstabe, sondern der Sinn darin: der Schutz der Schwachen. Wichtig sind die Menschen, auch die Geächteten: die Kranken, die Sünder, die Frauen, die Fremden und Andersgläubigen wie z.B. die Samaritanerin. Jesus stellte den Menschen ins Zentrum, ganz nach dem Motto: Gott ist für die Menschen da - nicht der Mensch ist für Gott da. In diesem Glauben gründet der radikale, universelle Humanismus von Jesus, der sich gegen die manipulativen und unterdrückerischen „Wahrheiten“ der religiösen und politischen Machthaber wendet. Jesus sah es als seine Mission, den Menschen ihre geraubte Würde wiederzugeben und sie über alle Grenzen hinweg zu Mit-Menschen zu befreien. 

Erlösung: Befreiung zur Liebe 

Ich war 26 Jahre lang Redemptorist. Name und Auftrag dieser Ordensgemeinschaft gefielen mir, denn 'Redemptor' heisst Erlöser. Ja, ich glaube, dass Jesus erlösend wirkte, und das wollte ich auch. Aber ich teile nicht die Auffassung der traditionellen Theologie, die sagt, Jesus habe durch seinen Tod am Kreuz die Sünden der Menschen getilgt, Gott mit der Menschheit versöhnt und ihr das Tor zum Himmel wieder geöffnet. Diese Deutung spielt auf Adam und Eva an, die Gott wegen ihres Ungehorsams – mythologisch gesagt – aus dem Paradies vertrieben hat. Sie entspricht aber ganz und gar nicht dem Glauben von Jesus, der Gott als liebenden Vater bezeichnete. Gott schickt niemand in den Tod und Gott vergibt von sich aus, nicht aufgrund eines blutigen Opfers. Dennoch ist Jesus der Befreier par excellence. Seine Botschaft befreit von Egoismus, Ängsten und falschen Schuldgefühlen – und befreit für die Liebe. Seine Befreiung wirkt im Innersten, im Herzen. Von da aus wirkt sie nach aussen, auf das Verhalten. Ich bin überzeugt: Wer die innere Befreiung erlebt hat, kann nicht anders, als gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Unmenschlichkeit einstehen. An Jesus bewahrheitet sich das Wort: Die Wahrheit macht frei. Es ist aber nicht eine abstrakte Wahrheit, mit der man Andersdenkende bekämpft, sondern die gelebte Wahrhaftigkeit; nur sie macht frei. Erlösung bedeutet für mich: Versöhnung des Menschen mit sich selbst – das gibt inneren Frieden – und Versöhnung mit allen Menschen – das schafft äusseren Frieden. 

Empathie kultivieren 

Mitgefühl-Liebe-Barmherzigkeit: Diese drei Worte bezeichnen das Wesen Gottes in allen Religionen. Im Alten Testament heisst es, Jahwe habe das jüdische Volk aus Mitgefühl aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Jesus sagte: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Im Islam ist Barmherzigkeit die wichtigste Eigenschaft Allahs. Empathie ist grundlegend. Aus ihr entsteht Wertschätzung. Und daraus erwachsen Werte, ohne die es kein friedliches Zusammenleben gibt. Doch die heutige Wirtschaft, die einseitig auf Konkurrenz basiert, macht alle zu Gegnern. Sie belohnt Rücksichtslosigkeit und betrügerisches Verhalten. Der soziale Zusammenhalt zerfällt und vegetiert nur noch als Pseudo-Solidarität unter Familien, Clans und Seilschaften zum Zweck der Selbstbereicherung. Die Werbung heizt den Egoismus und die Habgier zusätzlich an. Die Folgen sind Stress, Frust, psychische Schäden, soziale Spannungen, Krieg, aber auch zynische Gleichgültigkeit gegenüber den benachteiligten Menschen. Es ist dringend, dass wir diese entmenschlichende Dynamik in den Griff bekommen und die Werte Respekt, Gemeinsinn und Solidarität (wieder) höher einschätzen und fördern. Der chinesische Philosoph Menzius sagte: „Ohne Mitleid ist der Mensch kein Mensch.“ Politik, Wirtschaft und Medien müssen wieder menschlicher werden und nebst den profitorientierten Leistungen auch die sozialen Leistungen honorieren. Sie sind für das Gemeinwohl und die Weltgemeinschaft von grösstem Wert. Und sie machen unser Wesen aus. 

Fairness in den Strukturen
Der brasilianische Bischof Helder Camara sagte: "Gott interessiert sich auch für Geschäfte, Börsen und Bilanzen." Er kannte die Machtspiele der Mächtigen und das Elend, das sie über die Menschen bringen. Darum ermutigte er die Leute, die krummen Machenschaften der Politik und Wirtschaft kritisch anzuschauen und diese fair zu gestalten. Nächstenliebe – Caritas – ist mehr als karitatives Handeln, sie verlangt vor allem die Beseitigung von Unrechtsstrukturen. Aber wir halten lieber daran fest, weil wir davon profitieren. Manche sagen, viele Länder seien arm, weil sie korrupt sind. Sie vergessen, dass die wirtschaftlich starken Länder und viele Unternehmen die Korruption entweder erst geschaffen oder stark befeuert haben, um ihre Interessen in Komplizenschaft mit den Eliten dieser Länder durchzusetzen, auf Kosten der Bevölkerung. Die Geschichte zeigt überdeutlich: Je reicher ein Land an Bodenschätzen ist, desto gieriger stürzen sich ausländische Mächte darauf und desto ärmer ist die einheimische Bevölkerung. Ein Symptom für das Unrecht in der Geschäftswelt ist auch der Umstand, dass für den fairen Handel spezielle Labels eingeführt werden müssen, wo doch das ganze Wirtschafts-- und Finanzwesen fair sein sollte! Es ist dringend nötig, dass jeder redliche Mensch mit seiner Stimme und seinem Konsumverhalten hilft, Spekulationen mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Währungen sowie Steueroasen und unlautere Finanzprodukte zu verbieten und Fairness zum Standard in den Wirtschaftsstrukturen zu machen.